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„Da ist Leben drin“

Quelle: SWP vom 12.12.2020

Der Kreisbehindertenring kümmert sich seit 40 Jahren um die Belange behinderter Menschen und hat auch in Zukunft genug zu tun. Von Peter Buyer

 
Er ist im Schwabenalter, seit diesem Jahr. Gescheit war er schon vorher, jedenfalls die, die ihn gegründet haben: Der Kreisbehindertenring besteht seit 40 Jahren. Damals, im April 1980 setzten sich die Vertreter verschiedener Behinderten-Hilfsvereine und Selbsthilfegruppen zusammen, die Grundidee gilt bis heute: „Wir wollen an einem Strang ziehen“, sagt die Vorsitzende des Kreisbehindertenrings, Heike Baehrens, „und das Leben für Menschen mit Behinderung verbessern“.

Gleichberechtigung, Teilhabe und Selbstbestimmung stehen im Mittelpunkt. Seit 2016 führt die Göppinger SPD-Bundestagsabgeordnete Baehrens den Ring, 35 Mitgliedsverbände arbeiten dort zusammen. „Bei der Gründung war das einzigartig, einen Kreisbehindertenring gab es nirgendwo sonst“, sagt Baehrens. Bis heute ist ihr in dieser Form auch in anderen Landkreisen so etwas nicht bekannt.

Bei der Gründung war das einzigartig, einen Kreisbehindertenring gab es nirgendwo.
Heike Baehrens Vorsitzende des Kreisbehindertenrings

 

Einiges ist in den vier Jahrzehnten passiert, Ruth Weber von der Lebenshilfe erinnert an die Gründung der Lebenshilfe im Jahr 1991, die natürlich auch beim Ring mitmacht. Und Baehrens an die Änderung des Teilhabegesetzes, die auf Anregungen aus dem Kreisbehindertenring zurückgehe. „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“ steht erst seit 1994 im Grundgesetz, der Kreisbehindertenring kümmerte sich da schon seit 14 Jahren darum.

Auf Probleme behinderter Menschen aufmerksam machen und sie in die Politik und die Verwaltung bringen, um Lösungen zu finden und durchzusetzen, das ist die Kernaufgabe. Die Interessen der 35 Mitgliedsverbände – von den Aphasikern, Menschen mit Sprach- und Sprechstörungen, bis zur Hilfe psychisch Kranker – sind durchaus unterschiedlich, sagt Baehrens, „da ist Leben drin“. Der Ring sei „eine Klammer für alle Verbände“, sagt Ruth Weber von der Lebenshilfe, die Mitarbeit dort eine „Herzensangelegenheit“.

Und „übergeordnete Interessen sind da“, betont Baehrens. Beispiel: Arztpraxen. Drei Viertel seien nicht barrierefrei, das Ergebnis einer Studie „hat mich erschreckt“, sagt Reinhard Grams, stellvertretender Vorsitzender des Rings. Grams ist auch beim Stadtbehindertenring Geislingen engagiert. „Barrierefreiheit muss beim Hausbau genauso selbstverständlich werden wie ein Dach“, fordert er, „wir müssen ein Bewusstsein dafür schaffen“.

Nicht nur in vielen Arztpraxen vermisst Rollstuhlfahrer Grams die Barrierefreiheit, „ich frage mich auch, warum es die in der Kunsthalle Göppingen nicht gibt“. Auch der Weg vom ZOB zum Bahnhof sei nicht rollstuhltauglich abgesenkt, „keine Ahnung, warum das so ist“.

Entmutigen lässt er sich aber nicht, auch nicht davon, dass der Einstieg in viele Züge wegen zu niedriger Bahnsteige für Rollstuhlfahrer praktisch unmöglich ist. Und die durchaus vorhandenen Einstiegshilfen in den Zügen und auf den Bahnsteigen nur mit Voranmeldung zu nutzen seien. Spontanes Reisen, für andere selbstverständlich, sei für Rollstuhlfahrer so unmöglich. Bis zum übernächsten Jahr muss also noch viel passieren, dann soll der öffentliche Personennahverkehr barrierefrei sein.

Bis dahin gibt es für Grams und den Kreisbehindertenring noch viel zu tun, er berät die Verwaltung bei Baumaßnahmen, zeigt, wo was fehlt und oder wie es besser geht. Der Kreisbehindertenring hat also auch in den kommenden Jahren gut zu tun. Mehrmals im Jahr wird getagt. Dass der Kreisbehindertenring mit seinen Mitgliedsverbänden nicht im Vereinskorsett mit diversen Regularien stecke, sei ein Vorteil, ist Heike Baehrens überzeugt.

“Die Gefahr der Einsamkeit ist groß“

Herausforderung Aufgrund der Corona-Pandemie sei der Kontakt zu den Mitgliedsverbänden natürlich schwieriger, betont Heike Baehrens, Vorsitzende des Kreisbehindertenrings. „Corona ist eine große Herausforderung für uns.“ Menschen mit psychischen Erkrankungen und solche, die auch sonst Ängste haben, bräuchten in diesen Zeiten besondere Zuwendung, was im Lockdown schwierig sei.  „Die Gefahr der Einsamkeit ist groß“, sagt Baehrens, „ich mache mir große Sorgen“. Im kommenden Jahr werde viel aufzuarbeiten geben.

 

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