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Hindernisse für behinderte Menschen abbauen

Quelle: Geislinger Zeitung | Claudia Burst |

Es ist noch ein weiter Weg zur Barrierefreiheit: So lautete gestern nach eineinhalb Stunden Ortsbegehung in Geislingen das Resümee von Claudia Oswald-Timmler, der Behindertenbeauftragten des Landkreises Göppingen. Sie hatte Verantwortliche aus diversen Fachbereichen eingeladen (siehe Infokasten), um gemeinsam mit unterschiedlich beeinträchtigten Menschen die Strecke vom Nel Mezzo bis zum Zentralen Omnibusbahnhof abzugehen. Ziel war es, dass alle Beteiligten die jeweiligen Schwierigkeiten von Betroffenen hautnah miterleben und dadurch bei künftigen Bau- oder Sanierungsmaßnahmen entsprechend sensibilisiert sind.

Interessant wurde es für die Vertreter des Straßenbauamts, der Geislinger Verwaltung und den Verkehrsreferenten der Polizei schon kurz nach dem Start – beim Überqueren der Werkstraße mit den beiden dortigen Verkehrsinseln. Die hatte die Stadt erst im vergangenen Jahr saniert und in diesem Zusammenhang sowohl die Gehwege abgesenkt als auch Rampen an die Verkehrsinseln gebaut, um Rollstuhlfahrern die  Auffahrt zu erleichtern. Statt Begeisterung mussten sich Oberbürgermeister Frank Dehmer und Tiefbauamtsleiter Ulrich Weingart jedoch Kritik anhören: Die Rampen seien zu steil für handbetriebene Rollstühle und für Rollatoren, der Ampel fehle das akustische Signal für Sehbehinderte, dem Überweg ein Blindenleitsystem mit entsprechend spürbaren Markierungen im Straßenbelag.

Gisela Kohle vom Stadtbehindertenring STeiGle zeigte sich enttäuscht, dass die Insel nicht ganz auf Straßenniveau abgesenkt wurde, wie es nach einer Begehung im Vorjahr angedacht war. „Wir haben die Wahl zwischen einer Vorzeigekreuzung oder möglichst vielen Stellen, die wir so weit wie möglich barrierefrei machen“, verdeutlichte Dehmer das Dilemma. Im Haushalt seien für Maßnahmen zur Barrierefreiheit 25 000 Euro pro Jahr eingestellt, damit ließen sich nicht alle Hindernisse auf Anhieb optimal beseitigen. Es müssten Kompromisse eingegangen werden. Lob erhielten Weingart und Dehmer von Gisela Kohle für die „vorbildliche Lösung“ beim Bau des Überwegs in der Mühlstraße, der bei einer aufwendigen Straßensanierung umgesetzt wurde. Auf dem Weg zum Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) fielen allen Beteiligten die nicht abgesenkten Gehwege an der Hauffstraße in Höhe der Bahnhofstraße auf. Diese verlangen von den Rollifahrern einen Umweg zur nächsten Absenkung.

Als großes Hindernis erwiesen sich auch die Verkehrsinseln an der Kreuzung der Bahnhofstraße/Weiler Straße/Heidenheimer Straße, die nicht abgesenkt sind. Irritiert blieb die Gruppe schließlich am ZOB stehen. Dort gibt es zwar sowohl ein Blindenleitsystem als auch eine akustische Ampel. Aber an der Ampel in Richtung Bahnhof ist der Randstein etwa zwölf Zentimeter hoch. Rollstuhlfahrer müssen dort einen Umweg über die Bus-Haltebuchten nehmen.

„Ich weiß nicht mehr, warum wir das so gemacht haben“, bekannte Ulrich Weingart. „Deshalb ist es so wichtig, immer wieder das Bewusstsein für Barrierefreiheit zu schärfen“, konstatierte Claudia Oswald-Timmler: „Geld ist zwar ein Argument, es darf jedoch kein Totschlagargument sein.“ Die SPD-Bundestagsabgeordnete Heike Baehrens bedankte sich in ihrer Funktion als Vorsitzende des Kreisbehindertenrings bei allen Teilnehmern für die Bereitschaft „mitzudenken und gemeinsam Schritte auf dem Weg zur Barrierefreiheit vorwärtszugehen“. Sie machte die Gruppe darauf aufmerksam, dass der Kreisbehindertenring gerne als Ansprechpartner fungiere, wenn es um Bauplanungen im Straßenverkehr gehe.

Expertenrunde bei der Ortsbegehung

Die Teilnehmer an der Veranstaltung: Kreisbehindertenbeauftragte Claudia Oswald-Timmler, Gisela und Klaus Kohle vom Stadtbehindertenring STeiGle, Reinhard Grams im Rollstuhl, Christian Tietz und Else Stumper (sehbehindert), Hubert Hatwig (blind), Heike Baehrens (SPD-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Kreisbehindertenrings), Oberbürgermeister Frank Dehmer, Ulrich Weingart (Abteilung Tiefbau im Stadtbauamt),  Kurt Köder und Anja Eble vom Straßenbauamt Esslingen, Reimund Vater (Verkehrsreferent im Polizeipräsidium Ulm, Pfarrer Karl-Heinz Drescher-Pfeiffer als Kreistagsmitglied (Sozialausschuss der SPD).